Körpergefühl · Sex · Selbstwert

Weibliche Lust wurde uns oft falsch erzählt

Veröffentlicht am 7. Mai 2026 · ca. 6 Minuten Lesezeit

Ich glaube, viele Frauen haben nie richtig gelernt, ihren eigenen Körper als etwas Lustvolles zu sehen.

Selbstbefriedigung ist für viele Männer selbstverständlich. Bei Frauen ist genau das aber oft nicht so. Nicht, weil Frauen weniger Lust haben, sondern weil vielen von uns früh beigebracht wurde, den eigenen Körper eher zu bewerten als zu spüren.

Viele von uns kennen solche Sätze seit der Kindheit:

„Du hast aber zugenommen.“
„Du hast halt stämmige Beine.“
„Dein Haar ist zu fein.“
„Zum Glück bist du die Pickel losgeworden.“
„Oh, das ist ja ein Muttermal?“

Solche Sätze wirken im ersten Moment vielleicht klein. Aber sie bleiben hängen. Irgendwann schaut man nicht mehr einfach in den Spiegel, sondern sucht automatisch nach dem nächsten Makel. Und irgendwann entsteht diese leise Überzeugung: Irgendetwas an mir ist nicht gut genug.

Genau dieses Gefühl nehmen viele Frauen mit ins Bett.

Dann geht es nicht mehr darum: Was fühlt sich für mich gut an? Sondern plötzlich um Fragen wie: Sieht mein Partner meine Cellulite? Hat er gerade noch Spaß? Mache ich das richtig? Enttäusche ich ihn, wenn ich nicht zum Orgasmus komme? Sehe ich gerade komisch aus?

Lust braucht Aufmerksamkeit. Und wenn die Aufmerksamkeit die ganze Zeit dabei ist, den eigenen Körper und die Situation zu kontrollieren, bleibt weniger Raum, ihn wirklich zu spüren und den Moment zu genießen.

Wenn Sex immer nur auf eine Art erzählt wird

Dazu kommt, dass weibliche Lust oft nicht so ernst genommen wird wie männliche. Viele von uns haben wahrscheinlich schon mal den Satz gehört: „Pornos sind für Männer gemacht.“ Und ich glaube, da ist etwas dran. Nicht, weil Frauen Pornos nicht erregend finden können. Sondern weil Sex dort oft sehr einseitig erzählt wird.

Penetration ist der Hauptteil.
Der männliche Orgasmus ist das Ziel.
Und weibliche Lust passiert irgendwie nebenbei — laut, schön inszeniert und meistens erstaunlich unkompliziert.

Für viele Männer ist Penetration ein direkter Weg zum Orgasmus. Für viele Frauen ist sie das nicht. Da braucht es oft mehr: klitorale Stimulation, den richtigen Rhythmus, Zeit, Sicherheit, Entspannung. Und vor allem das Gefühl, nicht performen zu müssen.

Wenn wir Sex aber immer wieder so gezeigt bekommen, als wäre Penetration der eigentliche Sex und alles andere nur Vorspiel oder Extra, prägt das unsere Erwartungen. Dann denken wir schnell: So muss Sex aussehen. So muss ich reagieren. So müsste mein Körper funktionieren.

Und vielleicht ist genau das ein Teil des Problems: Nicht weibliche Lust ist kompliziert, sondern die Darstellung davon, was viele Frauen brauchen, um Lust und sexuelle Befriedigung zu erleben.

Den eigenen Körper wieder kennenlernen

Deshalb glaube ich, dass Selbstbefriedigung für Frauen so wichtig sein kann. Nicht als Pflicht. Nicht nach dem Motto: „Dann üb halt mehr.“ Sondern als Möglichkeit, den eigenen Körper ohne Erwartung, ohne Bewertung und ohne Performance kennenzulernen.

Denn beim Sex mit einer anderen Person reicht es oft nicht, einfach zu hoffen, dass das Gegenüber schon merkt, was man braucht. Man muss sich selbst wichtig genug nehmen, um Dinge einzufordern.

Langsamer.
Anders.
Mehr davon.
Weniger davon.
Pause.
Weiter.
Genau so.

Und ich glaube, genau das ist für viele Frauen schwer. Weil wir häufig gelernt haben, angenehm zu sein. Schön zu sein. Nicht kompliziert zu sein. Nicht zu viel zu wollen.

Aber beim Sex sollte es nicht darum gehen, möglichst unkompliziert zu wirken. Es sollte darum gehen, ehrlich zu spüren, was da ist.

Vielleicht beginnt weibliche Lust genau dort:
nicht bei einem perfekten Körper,
nicht bei der perfekten Technik,
sondern bei dem Gedanken:

Ich darf meinen Körper nicht nur anschauen lassen. Ich darf ihn selbst bewohnen.